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Dr. Kindle auf der Flucht oder Surfen mit dem Kindle im deutschen Netz.*
26 Januar 2010


Twitter auf dem Kindle

Vor nicht all zu langer Zeit schrieb ich noch: …für mich sind das jedenfalls erstmal genug Gründe keinen Kindle zu kaufen und jetzt ist es soweit, die erste Akkuladung meines Kindles ist nach ca. 4 Wochen häufigen Gebrauchs dahin. Hier ein kurzer Bericht zum Sinneswandel und den ersten Eindrücken am Vorabend der Bekanntgabe des Apple Tablets (sic!), angereichert durch ein paar Nutzungshinweise.
 
eReader

Für mich haben eReader** gleich mehrere Vorteile im Vergleich zu anderen Leseplattformen, die bei mir hauptsächlich ausgedruckte Fachartikel, normale Bücher und mein Laptop sind. Im Internet wird immer wieder das ermüdungsfreie Lesen genannt, welches sich kaum noch vom Lesen normale Bücher unterscheiden soll. Das stimmt, finde ich aber nicht so wichtig. Täglich schau ich zwischen 4-12 Stunden auf einen Monitor – hab mich wohl dran gewöhnt. Wichtiger ist mir die Möglichkeit viele Bücher (und andere schriftliche Informationen) auf möglichst kleinem Raum zu transportieren. Warum ist mir das wichtig? Z.B. während der Feldforschung in China kommen zu den 2 mitgebrachten Büchern und den 20 Artikeln immer noch 12-15kg gesammeltes Material dazu. Das ist, auch wörtlich gesehen, eine Menge Holz. Gegen andere elektronische Lesegeräte (iPod Touch, Macbook Pro) spricht Ihre geringere Akkulaufzeit (beide), umständlicheres Transportverhalten (MBP), Gewicht (MBP) und die nahezu unendlichen Prokrastinationsoptionen (beide, dazu später mehr).  
 
Allerdings haben eReader auch eine Reihe von Nachteilen, manche davon haben einige Beobachter schon vom vorzeitigen Ende dieser Technologie sprechen lassen. Zunächst die klassischen Kritikpunkte: ein eBook ist kein physisches Buch und somit existiert keine Möglichkeit ein gekauftes Buch zu verschenken oder zu verkaufen. Das ist ein wichtiger Punkt. Mehr als 2/3 meiner Bücher habe ich gebraucht erstanden. Viele davon über das Netz im englischsprachigem Ausland. Häufig waren dabei die Frachtkosten höher als die eigentlichen Buchpreise. Der andere Kritikpunkt bezieht sich auf die Technik der eReader und hier hauptsächlich das Display. Gizmodo  und andere halten diese Displays für einen Anachronismus: Monochrom zum einen, eine schlimme Latenz beim Umblättern zum anderen (obwohl hier der Kindle wohl den Nook um Längen schlägt). Gerade im Bezug zum mutmaßlichen Apple-Tablet sollen Kindle und Konsorten angeblich Relikte aus der Vergangenheit sein. Dem würde ich mich so nicht anschließen wollen. Es geht um Geräte mit wahrscheinlich völlig unterschiedlichen Verwendungszwecken.
 
Kindle


PDF im Hochformat


PDF im Querformat

Zunächst einmal zu den Basiseigenschaften des Kindle. Menüführung, Design, Verarbeitung etc… machen einen sehr durchdachten Eindruck. Man kann mit diesem Gerät sehr angenehm Lesen, für einen eReader ja nicht unwichtig. Einzig eine Einschränkung ist angebracht: PDFs sind eine Qual. Es gibt keine Zoomfunktion und so wird der Inhalt einer DIN A4 Seite auf die 6“ des Kindles gequetscht. Das sieht noch nicht mal im Querformat gut aus (siehe Fotos). Hier bietet sich der Konvertierungsdienst von Amazon selbst an. PDF in eine Email mit dem Betreff “convert” an (kindlename)@free.kindle.com oder (kindlename)@kindle.com und das Dokument kommt als .azw (Kindle gerechtes MOBI Format) entweder in Form einer Email zurück (free.kindle.com) oder wird direkt zum Kindle (kindle.com, kostet allerdings) geschickt.

Die 3G Anbindung über AT&T Roaming ist verlässlich, die Tastatur reicht für meine Anforderungen komplett aus und ein Touchscreen vermisse ich bei diesem Preis auch nicht. Der Kindle hat neu ca. 175€ gekostet. Nun wird nicht jeder amerikanische Verwandte mit IPO Postfach haben, aber selbst dann ist der Preis im Vergleich z.B. zum txtr immer noch sehr attraktiv. Gerade auch wenn man die Content-Frage berücksichtigt.

Content

Das Lesevergnügen hängt auch davon ab, wie und in welcher Form ich neues Lesematerial auf den eReader bekomme. Hier gibt es wohl zwei Varianten, die unterschieden werden müssen: den Store der jeweiligen Verkäufer des Geräts und alle anderen Quellen.

Ich sage an dieser Stelle voraus, dass der legale Verkauf von eBooks durch einen “Store” im Sinne von iTunes auf kurz oder lang für den Erfolg von Kindle&Co bestimmend wird. Leider findet ein wirklicher Konkurrenzkampf von verschiedenen Stores derzeit nur in den USA statt. In Deutschland gibt es, dank der Buchpreisbindung, kein vernünftiges Modell für den legalen Erwerb von eBooks. Deutsche Bücher werden bei Libri und txtr in elektronischer und physikalischer Variante für den gleichen Preis angeboten. Warum sollte man bei solchen Preisen ein eBook kaufen, dessen Gebrauch im Vergleich mit den „alten“ Büchern aus Papier doch so starken Beschränkungen unterliegt?

Von den bisher existierenden Stores scheint mir der von Amazon den anderen deutlich überlegen. Wer sich an meinen vorherigen Rant zum Kindle erinnert, wird wissen das ich mich über die Preisunterschiede zwischen amerikanischem und deutschem Store ziemlich aufgeregt habe. Hier gibt es eine kleine Neuigkeit, welche die Lage doch etwas ändert: man kann sehr leicht einen US Account eröffnen und Bücher etc zum amerikanischen Preis kaufen. Dies funktioniert mit jeder x-beliebigen Adresse in den Staaten und einer deutschen Kreditkarte. Es gibt noch eine besondere Fähigkeit des Kindle, die nur mit einem amerikanischen Account funktioniert – im nächsten Abschnitt mehr dazu. Normale Bücher kosten mit einem US Account 9.99$ (wenn sie direkt auf den Kindle geladen werden sollen kommen noch 2$ Roaming dazu). Das liegt zum Teil unter dem Preis, den ich für gebrauchte Bücher + Fracht vorher bezahlt habe. Erwähnenswert ist auch die Fähigkeit sich Probekapitel aller vorhandenen Bücher umsonst zu laden (auch ohne Roaming Gebühren). In Zukunft soll der Store für andere Sprachen freigeschaltet werden, ein Developer Kit soll auch folgen. Ich bin gespannt.

Die erwähnte besondere Fähigkeit des Kindle hängt mit dem experimentellen Browser des Kindle zusammen. Mit einem amerikanischen Account fallen sämtliche Sperren und anstatt auf Wikipedia beschränkt zu sein (normaler deutscher Account), kann man fast alle Seiten des WWW über UMTS aufrufen. Der Browser ist sehr langsam und rudimentär, aber für Twitter und Gmail reichts allemal. Bloglines (RSS Reader) ist leider keine Freude.

Damit kommen wir auch schon zu anderen Methoden den Kindle mit Lesematerial zu befüllen. Die wichtigste ist eine Software namens Calibre, die es für Linux, Mac und Windows gibt und den Kindle automatisch erkennt. Eine Freundin hat die Software als “iTunes für eReader” beschrieben, was recht treffend ist. Calibre bietet zunächst einmal eine Datenbank, um Texte von und zu verschiedenen eReadern zu verschieben. Wichtiger für mich ist aber die Fähigkeit, Zeitschriften zu abonnieren und automatisch auf den Kindle zu übertragen. So habe ich inzwischen immer Time Magazin, Foreign Affairs und die Zeit dabei.

Weitere wichtige Tools sind rekindleit und instapaper . Beide bieten die Möglichkeit Webseiten auf den Kindle zu übertragen und dadurch später zu lesen (“delayed procrastination”). Sie funktionieren beide mittels eines Javascript Link in der Lesezeichenleiste und unterscheiden sich nur im Detail. „rekindleit“ verschickt nur die aktuelle Webseite an den Amazon Konvertierungsdienst und entfernt alle Bilder. Instapaper ermöglicht das gebündelte Verschicken von mehreren Artikeln und behält einige Bilder.

Conclusion

Der Kindle ist ein herrliches Gadget zum Lesen und hervorragend an den Amazon Store angebunden. Ich persönlich finde es gut, dass er kein Farbdisplay hat, der Browser nicht schneller ist und man so kaum vom Lesen abgelenkt wird. Mein größtes Problem beim Lesen am Rechner sind nämlich die vielen anderen Dinge, die ich stattdessen tun könnte.


   *Bessere Titelvorschläge sind herzlich willkommen.

**In diesem Blogeintrag kennzeichnet eReader ein Gerät wie z.B. den Kindle mit eInk Display. eBooks bezeichnet hier elektronischen Content / elektrische Bücher.