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wut
26 Februar 2009

Zur Vorbereitung von Leeds lese ich gerade einen Text von Qin Hui über die Bodenfrage im ländlichen Raum. Der Text ist gut geschrieben, die Analyse treffend – aber am beeindruckensten finde ich einen anderen Aspekt. Qin Hui hat hier eine wütende Anklage verfasst. Einen “Rant” gegen kollektives Eigentum am Boden (“Was soll das sein?”) und das Argument für seine Verwaltung durch staatliche Organe zum Schutz des Bauern vor Glücksspiel, Verschwendung und Alkholsucht (“Wieso sollten die Kader besser wissen was für die Bauern gut ist, als diese selbst?”). Die neuen sozialistischen Dörfer bezeichnet er kurzerhand als “Bewegung zur Enteignung des Bodens und zur Zwangsumsiedlung” ( 收地拆房运动 ). Dabei ist mir aufgegangen, dass das Stilmittel “Wut” ein verbindendes Element eines großen Teils meiner Lektüre der letzten Wochen darstellt. Hier mal ein kleiner Auszug:


In Cory Doctorows Nerdroman Little Brother wird das Department of Homeland Security nach einem weiteren Terroranschlag auf Amerika zu einer paranoiden Sicherheitsorganisation, welche kurzerhand die persönliche Freiheit aller Bürger abschafft. Nur eine Gruppe Jugendlicher stemmt sich mit Hilfe elektronischer Guerillataktiken wütend und cool dagegen. Das Buch ist eigentlich als Jugendbuch angelegt und soll zur Beschäftigung mit diversen Verschlüsslungs- und Sicherheitstechniken ermutigen. Hab es schon zwei mal verschenkt und den Link auch schon häufiger mal rumgeschickt.


Bei Adam Davies Goodbye Lemon steht Familienglück bzw. das Fehlen von selbigem im Mittelpunkt. Für alle mit einem offenem Vater- und/oder Mutterkonflikt sehr lesenswert. Zeigt auch, wie die eigene Wut und Angst Wahrnehmung und Kommunikation beeinflusst. Im konkreten Fall geht es um Jack, der nach einem Schlaganfall seines Vaters und nur unter Zwang seiner Freundin, diesen nach langer Zeit besucht.

Schon vom Titel her wird deutlich, dass Al Frankens Buch Lies and the Lying Liars Who Tell Them sich hervorragend in die Liste der “Wut”-Literatur einfügt. Das Buch liest sich schnell da recht simpel geschrieben. Al setzt sich mit allen großen Figuren des rechten Rands in Amerika und ihren Thesen auseinander. Viele der sezierten Lügen sind sehr plump, große geistige Anstrengung scheint wirklich nicht von Nöten. Hab es gelesen, weil ich irgendwann über die “Fair and Balanced” Sache gestolpert bin und früher ein paar mal Air America über itunes gehört habe.


Mike Davies Planet of Slums sollte eigentlich zur sozialwissenschaftliche Pflichtlektüre für Entwicklungshelfer gehören. Davies beschäftigt sich sehr ausführlich (und wütend) mit Entstehung, Form und Genese von Slums. Hier finden sich großartige Beschreibungen der Folgen von Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank. Und die Einsicht, dass ein großer Teil der urbanen menschlichen Zukunft mit der Frage der Entsorgung jetziger Darmentleerung zusammenhängt.


Einen passenden Musiktip habe ich auch noch dazu: die Platte People Who Can Eat People Are the Luckiest People in the World von Andrew Jackson Jihad