arbeit in china: knechte des booms ·503 days ago
von Schoasch, April 2009
Griass Eich,
nachdem’s in China nicht nur lustig zugeht, hier mal ein ernsteres Thema: Arbeit.
Immer wieder mal kann ma in Pamphleten wie dem Spiegel, der Süddeutschen, aber auch seriösen Blättern wie dem Focus und der Bildzeitung lesen, dass eine der Säulen des chinesischen Booms das unerschöpfliche Millionenheer an billigen Arbeitskräften ist, die sogenannten Wanderarbeiter. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen, dass diese Wanderabreiter ausgebeutet würden. Da ist von Knechten des Booms die Rede, vom Schuften für den Boom, vom Los der Wanderarbeiter oder gar von Chinas wütenden Wanderarbeitern. Begibt sich der westliche Journalismus damit auf die niedere Ebene der Populärklischees? Gar in die Nähe maoistischer Parolen wie “Der Reichtum der Grundherren beruht auf der Ausquetschung der Bauern”, “Die Welt ist eine Republik” oder “Den Letzten beißen die Hunde”?
Aber überzeugt Euch selbst:
Spiegel Artikel
Leider sind die chinesischen Grundlagen des Booms akut gefährdet, denn immer mehr Wanderarbeiter oder zumindest deren Kinder verlassen den traditionelle Weg zum Reichtum, den Weg der harten Arbeit ohne Lohn und versuchen ihn durch illegale Tätigkeiten abzukürzen. So wird als Ursache der steigenden Kriminalität in der China Daily genannt: “The second generation of migrant workers in cities is doing similar work to the first but is not as hardworking”. “Some of them dream of easy lives and pursue ways to make quick money to achieve their goals”. “This is a major reason for the increase in juvenile delinquency in these areas”.
Wenn ma in China arbeitet, weiß ma, wie wahr des is. Die Straßenräuberei nimmt überhand, als unschuldiger Fahrradfahrer z.B. wird ma von Wegelagerern, die einen Platten oder andere Fahrradschäden gnadenlos ausnützen, einfach in Geiselhaft genommen. Da bleibt einem dann nichts anderes übrig, als jeden Preis fürŽs Reifenflicken zu zahlen, und wenns ein dreistelliger Betrag ist (1Yuan+1Yuan+1Yuan). Des is ungefähr des Äquivalent einer Nudelsuppn, und dann hat ma no nix gessen. Ja diese ausgschamten Deifeln soll doch der Gustav Adolf holen (Anm. d. Red.: eine nach dem 30jährigen Krieg beliebte Redensart, die heid sovui hoasst wia: di soll doch da Blitz bam Scheiss’n treffa!)
Die Faulheit hat sich auch scho auf die Büroarbeiter übertragen. Kaum ist der Chef aus dem Haus, hört man nur no oa Geräusch: Das Schnarchen der Kollegen. Da muass ma fast scho grob wean, dass ma sie aus diesem Zustand tiefster Beschäftigung wieder herausreißt. Auf meine Frage, warum ich Depp zum Arbeiten heim geh konnten mir die Kollegen bislang keine befriedigende Antwort gem.
Dafür sind die Strafen für Fehlverhalten in manchem Unternehmen drastisch: auf zweimaliges auf den Werksboden spucken folgt nicht selten die Entlassung. Für mehrmaliges vor das Pissoar brunzen wurde bislang leider noch keine angemessene Erziehungsmethode gefunden, für Anregungen sind wir aber dankbar.
Eine Strafe an sich is scho des Essen in der Kantine, wobei kulinarische Masochisten diese Aussage mit Sicherheit anfechten dürften. Da wir nicht zu letzteren zählen, samma auf den Uiguren/Moslem-Lieferservice umgstieng. Nicht dass wir unsere chinesischen Kollegen mit Sprengstoffgürteln überraschen wollen, eher unsere Mägen mit am deftigen Rindfleisch und Erdäpfeln (aus der Familie der Äpfel, wobei zu dieser illustren Familie wohl die Bäpfel, eine wässrige Mischung aus Birnen und Äpfeln, nicht aber die zwar wohlriechenden, aber mistigen Pferdeäpfel gehören). I mecht ned wissen, wia vui Rindviecher in mia seit diesem Umstieg scho wiedergeborn woan san, und natürlich in meinen Kollegen. Bei dem ein oder anderen von uns hege ich aber die Vermutung, dass diese Wiedergeburten schon lange vorher stattgefunden haben müssten.
In diesem Sinne, man ist was man ißt.
Griass
Schoasch

